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Isolationshaft


Die Urlaubsvertretung oder zeitlich begrenzte Isolationshaft?
Ein Tagebuch (Auszug) 2012 


Heute, an einem Tag wie diesem  zwischen Sonnenstrahlen und Autolärm habe ich das Bedürfnis meine Sachen zu packen und zu fahren ans Meer. Die Weite möchte ich fühlen, die Reinheit der Luft atmen, die Wellenschläge hören und den Wind spüren auf meiner Haut, doch ich bleibe sitzen auf meinen Backen die man Arsch nennt. Sechs Stunden Arbeit liegen noch vor mir, Arbeit die man eigentlich gar nicht Arbeit nennen darf. Es kommt kein Kunde. Ich sitze auf meinem Hinterteil und schaue immer wieder auf die Straße; sehe einen Ausschnitt des Lebens durch Glas. Sehe eine Ampel die im selben Rhythmus die Farbe wechselt, kleine Autos, große Autos, Menschen mit heller und dunkler Haut die meist grimmig gucken und gelangweilt sind von ihrem eigenen Dasein.

Habe schon Zeitung gelesen, Kaffee getrunken, Bonbons gelutscht, mich im Spiegel betrachtet um zu sehen ob die Frisur noch sitzt… Und nun? Warten, endlos warten…wenn man wartet fließen die Gedanken schneller, ein Rauschen, Bilder, Wortfetzen kommen und gehen flutartig. Zwischendurch Ebbe, Leere, nichts mehr. Der Kopf ist still nur der Ton des warm gleichmäßig pochenden Herzens ist noch wahrnehmbar. Und dann…beginnt das Spiel von vorn, der ICE vollgeladen mit Lebensbildern fast überfüllt rast durch mein Gehirn.

Ein Kunde, zwei Kunden innerhalb von wenigen Minuten… freundlich bin ich, lächelnd, ein kurzer Plausch und dann sehe ich ihm hinterher dem netten älteren Mann mit dem Rollator. „Einen schönen Tag Herr Adolf“ rufe ich noch und schon bin ich wieder mit mir allein.

…vielleicht sollte ich mit den Hemden und Hosen sprechen, die wohl duftend hinter Folien auf Stangen gehängt ebenfalls auf menschlichen Kontakt hoffen. Sie sehen traurig aus. Manchmal verbringen sie Tage sogar Wochen in diesem Zustand, hängend, eingepfercht, nach Luft schnappend, sehnsuchtsvoll den Blick zur Straße gerichtet. Gequält sehen sie aus, versehen mit Nummern sind sie und oftmals schwer zugerichtet, weil die Nadel vom Tacker nicht das Papier sondern sie getroffen hat. Sie leiden still und regungslos. Doch manchmal vernehme ich ein flüstern als halten sie Kontakt untereinander. Sie sind meine Begleiter, meine Verbündeten in diesen Stunden die ich hier sitze und mit der Langeweile  kämpfe. Sie kämpfen mit mir gemeinsam gegen das endlose Warten,  erinnern mich daran viel zu trinken um den Wasserhaushalt meines Körpers auszugleichen, feuern mich an wenn ich im Privatbereich des Ladens meinen Körper stähle, sie führen meine Hand damit die Striche auf dem Papier aussehen als wären es handwerklich wertvolle Skizzen…sie kämpfen mit mir gegen Wollmäuse.

Zigarettenpause… ich trete für einen kurzen Moment raus aus der Stille hinein in den täglichen Wahnsinn. Begebe mich auf den Fenstervorsprung des angrenzenden Döner-Ladens und ziehe Zug um Zug mir den Qualm zwischen die Lungenflügel. Beim Betrachten der mir schier endlos langen Straße, den Männern und Frauen sowie Kindern kommt mir der Gedanke… wenn ich eine Zauberin wäre, eine Fee oder eine Hexe – nein, eine Hexe will ich nicht sein; könnte ich die Welt für einen Augenblick anhalten und mit einem einzigen Zauberspruch den vorbei laufenden Menschen ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Dann wäre diese Straße, die wirklich nicht schön anzusehen ist, um einiges heller. Aber ich bin keine Zauberin oder Fee. Ich bin nur ein irdischer Mensch der irgendwann, wie alle anderen auch das Zeitliche segnet. Schwups…die Zigarette ist verglüht. Ich kehre zurück in meine mit Neonlicht bestrahlte Box und warte erneut…

Noch eine Stunde bis zur Mittagspause, dann zwei Stunden Freiheit.

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